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Gerbsäure im Wein - Tannine verstehen und Genuss entdecken

Gerbsäure im Wein ist im Alltag meist die Bezeichnung für Tannine, also natürliche Gerbstoffe. Sie stammen vor allem aus Traubenschalen, Kernen und Stielen und können auch durch den Ausbau im Holzfass in den Wein gelangen. Fachlich ist „Gerbsäure“ kein besonders präziser Begriff, denn gemeint ist normalerweise keine Säure wie Wein- oder Apfelsäure, sondern der Stoff, der Wein Struktur gibt und im Mund ein herbes, trocknendes Gefühl auslösen kann.

Was Gerbsäure im Wein eigentlich ist

Wer fragt „Was ist Gerbsäure im Wein?“, meint in der Regel den herben Eindruck, der besonders bei kräftigen Rotweinen auffällt. Dieser Eindruck kommt meist von Tanninen. Tannine gehören zu den Gerbstoffen und sind natürliche Bestandteile vieler Pflanzen. Man findet sie nicht nur in Trauben, sondern auch in Tee, Walnussschalen oder Holz.

Im Weinalltag hat sich der Begriff Gerbsäure eingebürgert, weil Tannine ähnlich „streng“ wirken können wie etwas Saures: Der Mund zieht sich zusammen, die Zunge fühlt sich trocken an, und am Zahnfleisch bleibt ein rauer Eindruck zurück. Genau genommen ist das aber nicht dasselbe wie Säure. Säure wirkt frisch, lebendig und manchmal spitz. Tannin wirkt eher griffig, herb und strukturgebend.

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil ein tanninreicher Wein nicht automatisch „zu sauer“ ist. Ein junger Rotwein kann wenig Säure haben und trotzdem sehr trocken am Gaumen wirken, wenn seine Gerbstoffe kräftig sind. Umgekehrt kann ein frischer Weißwein deutlich säurebetont sein, ohne tanninig zu schmecken.

Woher die Gerbstoffe im Wein kommen

Tannine gelangen vor allem über feste Traubenbestandteile in den Wein: Schalen, Kerne und manchmal Stiele. Je länger der Most mit diesen Bestandteilen in Kontakt bleibt, desto mehr Gerbstoffe können sich lösen. Diese Zeit nennt man Maischestandzeit. Sie spielt besonders bei Rotwein eine große Rolle, weil der Rotwein seine Farbe ebenfalls aus den Schalen erhält.

Auch die Art der Verarbeitung beeinflusst den Gerbstoffgehalt. Werden Trauben stärker extrahiert, also intensiver ausgelaugt, kann der Wein mehr Farbe, mehr Aromastoffe und mehr Tannine bekommen. Werden Stiele mitvergoren, können sie zusätzliche herbe und grüne Eindrücke beisteuern. Das kann gewollt sein, verlangt aber Fingerspitzengefühl.

Ein weiterer Faktor ist der Ausbau im Holz. Vor allem neue oder jüngere Eichenfässer können dem Wein zusätzliche Gerbstoffe geben. Gleichzeitig verändert der Fassausbau aber nicht nur die Tanninstruktur, sondern auch Aromatik und Mundgefühl. Ein im Holz gereifter Rotwein kann dadurch kräftiger, dichter und strukturierter wirken als ein vergleichbarer Wein aus dem Edelstahltank.

Wie Tannine Geschmack und Mundgefühl prägen

Tannine sind weniger ein Aroma als ein Gefühl. Man schmeckt sie nicht wie Kirsche, Pflaume oder Vanille, sondern spürt sie am Gaumen. Typisch ist Adstringenz: Die Mundschleimhaut fühlt sich zusammengezogen und trocken an. Bei feinen Tanninen wirkt das angenehm griffig und stützend. Bei unreifen oder sehr dominanten Tanninen kann ein Wein hart, kantig oder bitter erscheinen.

Hier hilft eine klare Abgrenzung: Säure lässt den Mund wässrig werden und sorgt für Frische. Tannine trocknen den Mund eher aus und geben Struktur. Bitterkeit ist wiederum ein Geschmackseindruck, der häufig am hinteren Zungenbereich wahrgenommen wird. In der Praxis treten diese Eindrücke oft gemeinsam auf, weshalb sie leicht verwechselt werden.

Ein guter Rotwein lebt häufig von der Balance. Frucht, Säure, Alkohol, Körper und Tannine müssen zusammenpassen. Viele kräftige Weine brauchen Gerbstoffe, damit sie nicht breit oder schwer wirken. Tannin ist also kein Fehler. Es kann sogar ein wichtiger Grund sein, warum ein Wein zu kräftigen Speisen passt und am Gaumen länger präsent bleibt. Zu viel davon kann allerdings unausgewogen wirken, besonders wenn Frucht und Reife fehlen.

Warum rote Weine meist mehr Gerbstoffe haben als weiße

Rotwein enthält in der Regel deutlich mehr Tannine als Weißwein oder Rosé. Der Hauptgrund ist der Schalenkontakt. Bei Rotwein werden die dunklen Trauben meist auf der Maische vergoren oder lange mit den Schalen in Kontakt gelassen. Dabei lösen sich Farbe, Aromastoffe und Gerbstoffe. Deshalb wirken viele rote Weine kräftiger, herber und strukturierter.

Weißwein wird dagegen meist aus dem gepressten Saft vergoren. Die Schalen werden früh getrennt, sodass weniger Tannine in den Wein gelangen. Deshalb stehen bei Weißwein meist Frische, Säure, Frucht, Mineralität oder aromatische Rebsortenmerkmale im Vordergrund. Rosé liegt oft dazwischen, hat aber durch den kürzeren Schalenkontakt meistens deutlich weniger Gerbstoffe als Rotwein.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Ein sehr schonend ausgebauter Rotwein aus dünnschaligen Trauben kann weich und wenig adstringierend sein. Ein Weißwein mit längerer Maischestandzeit oder besonderer Herstellung kann mehr Gerbstoffe zeigen als erwartet. Als Faustregel gilt aber: Wer herbe, trocknende Struktur sucht, findet sie am ehesten bei Rotwein.

Welche Rolle Rebsorte und Ausbau spielen

Nicht jeder Rotwein ist gleich tanninreich. Die Rebsorte macht einen großen Unterschied. Trauben mit dickeren Schalen oder von Natur aus kräftiger Struktur bringen oft mehr Tannine mit. Ein junger Cabernet Sauvignon wirkt deshalb häufig straffer und gerbstoffbetonter als ein weicher Merlot. Merlot kann ebenfalls Struktur haben, erscheint aber oft runder, fruchtiger und zugänglicher.

Auch Nebbiolo, Sangiovese, Monastrell, Syrah oder Tempranillo können je nach Herkunft und Ausbau viel Griff zeigen. Primitivo oder Zinfandel wirken dagegen oft fruchtbetonter und weicher, auch wenn sie kräftig und alkoholreich sein können. Entscheidend ist nicht nur die Rebsorte, sondern auch, wie reif die Trauben gelesen wurden und wie der Wein im Keller behandelt wurde.

Der Ausbau kann Tannine abrunden oder verstärken. Barrique-Ausbau bringt häufig zusätzliche Struktur und kann dem Wein mehr Tiefe geben. Gleichzeitig braucht Holz eine passende Basis: Ein leichter Wein kann durch zu viel neues Holz trocken und sperrig wirken, während ein kräftiger Wein davon profitieren kann. Bei einem sortentypischen Cabernet Sauvignon erwartet man eher eine festere Struktur als bei sehr weichen, fruchtbetonten Rotweinen.

Auch Flaschenreife verändert Tannine. Junge Weine können kantig und fordernd wirken. Mit der Zeit verbinden sich die Gerbstoffe stärker mit den anderen Bestandteilen des Weins. Der Eindruck wird oft runder, weicher und harmonischer. Das heißt aber nicht, dass jeder tanninreiche Wein automatisch lange reifen sollte. Dafür braucht er genügend Frucht, Säure und Gesamtbalance.

Wie man tanninige Weine angenehmer trinkt

Tannin wirkt am harmonischsten, wenn Wein und Speise zusammenpassen. Fett und Eiweiß können den trocknenden Eindruck mildern, weil sie die Gerbstoffe abpuffern. Deshalb funktionieren kräftige, tanninreiche Rotweine häufig gut zu Rindfleisch, Lamm, Wild, Grillgerichten oder gereiftem Käse. Auch Gerichte mit Röstaromen können die herbe Struktur eines Rotweins gut aufnehmen.

Weniger ideal sind sehr scharfe, sehr bittere oder stark säurebetonte Speisen. Schärfe kann Alkohol und Gerbstoffe härter erscheinen lassen. Bittere Gemüse oder stark bittere Saucen können den herben Eindruck zusätzlich verstärken. Zu sehr säurebetonten Gerichten kann ein tanninreicher Rotwein schnell rau wirken, wenn ihm Frische und Frucht nicht genug entgegenhalten.

Auch die Serviertemperatur spielt eine Rolle. Wird ein kräftiger Rotwein zu warm serviert, treten Alkohol und Schwere stärker hervor. Wird er zu kalt serviert, wirken Tannine oft härter und die Frucht verschlossener. Viele kräftige Rotweine zeigen sich bei leicht kühler Raumtemperatur angenehmer als bei sehr warmer Umgebung. Ein kurzes Belüften im Glas oder in einer Karaffe kann jungen, gerbstoffbetonten Weinen ebenfalls helfen, zugänglicher zu wirken.

Gerbsäure im Wein meint also meist Tannine: natürliche Gerbstoffe, die Struktur, Griff und ein trockenes Mundgefühl geben. Wer Säure, Bitterkeit und Tannin auseinanderhalten kann, versteht herbe Weine besser und wählt bewusster die passende Kombination mit Speisen. Als einfacher Praxistipp gilt: Je kräftiger und tanninreicher der Rotwein, desto besser passt meist ein Gericht mit etwas Fett, Eiweiß oder Röstaromen dazu.

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